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Corona in Timbiras – ein Brief des neuen Pfarrers

Corona in Timbiras – ein Brief des neuen Pfarrers

Heute erreichte uns ein Brief des neuen Pfarrers von Timbiras, Sepp Wasensteiner (Foto: (c) Manu Friederich, „Der Bund“)

Liebe Freunde in Deutschland,

Anfang dieses Jahres wurde ich nach über 28 Jahren meines Wirkens in der Pfarrei São Raimundo in Codó in die Nachbarstadt Timbiras versetzt, wo am 16. Februar dieses Jahres der Gottesdienst stattfand, bei dem ich offiziell durch Diözesanbischof Dom Sebastião in die neue Pfarrei eingeführt wurde. Ich wohne hier allein in einem Pfarrhäuschen und mache meine ersten Gehversuche in der neuen Pfarrei. Die Pfarrei nahm mich sehr herzlich auf.

Timbiras ist die pallottinische Wiege von Maranhão. Hier begannen vor genau vierzig Jahren die pallottinischen Schwestern Mathilde, Rita und Christina ihre missionarisch pallottinische Arbeit im Geist des Heiligen Vinzenz Pallotti, das Apostolat aller Getauften zu verkünden und zu leben, im Aufbau unzähliger Gruppen und Laienbewegungen. Bis heute ist die Pfarrei von diesem Geist beseelt, und die pallottinischen Schwestern arbeiten weiterhin unermüdlich, den apostolischen Geist der Mitverantwortung aller Getauften in Kirche und Welt zu wecken, zu fördern und zu vertiefen.

Die Pfarrei in Timbiras ist ähnlich strukturiert wie São Raimundo in Codó, das heißt, ein guter Teil der Bevölkerung wohnt im Stadtbereich, aber es gibt auch noch einen großen Anteil an ländlicher Bevölkerung. Neben der Pfarrkirche haben wir 15 Kapellen mit ihren Heiligen und Festen in der Stadt, in den einzelnen Vierteln, und gute vierzig Gemeinden und Gemeinschaften im Landesinneren.  Die Zahl der gesamten Bevölkerung liegt bei knapp 30.000 Einwohnern. Auch Landkonflikte fehlen hier nicht, ähnlich wie in Codó, zwischen Firmen und Großgrundbesitzern auf der einen Seite, und den armen Bauern auf der anderen Seite, die oft eben keine Dokumente ihres Landes besitzen, weil sie sich als Analphabeten nie darum gekümmert haben.

Nach ca. einem Monat begann auch hier die Krise Covid 19, die rasch zu drastischen Einschränkungen führte und auf jeden Fall das Einleben in der Pfarrei und Mitleben mit den Menschen erheblich erschwerte und erschwert. Es nehmen die Fälle von Coronainfizierten von heute auf morgen dramatisch zu, die Welle kommt jetzt hier an. Vor kurzem war Maranhão der einzige Bundesstaat ohne Infizierte, inzwischen sind es weit über 21.000, bei über 800 Toten. Der Lockdown in São Luis brachte nicht den erwünschten Erfolg. Codo hatte vor vier Wochen den ersten Fall, inzwischen sind wir bei fast 700 mit täglich steigenden Zahlen von Infizierten und Toten.

In Timbiras haben wir auch bereits über hundert Fälle von Coronavirus-Erkrankten. Aber es werden rasch noch viel mehr werden. Da man so von vielen Bekannten hört, die inzwischen infiziert sind, ist die Dunkelziffer mit Sicherheit noch viel höher. In den großen Städten heißt es, dass die Zahl der tatsächlich Infizierten bei ca. siebenmal höher liegt als die offiziellen Statistiken berichten. Brasilien zählt bereits über 21.000 Tote und hat mit inzwischen  über 300.000 offiziell registrierten Coronaviruserkrankten weltweit Platz zwei nach den USA erreicht.

Die brasilianische Regierung hat eine finanzielle Spritze für die Armen von je hundert Euro für drei Monate freigestellt. Wenigstens das, aber auf der anderen Seite haben wir kilometerlange Menschenschlangen vor den Banken, um das Geld zu bekommen, und der Aufruf, zu, Hause zu bleiben, verweht im Wind. Gerade in den großen Ansammlungen besteht ja die größte Gefahr, den Virus zu übertragen.

Bei unserem katastrophalen Gesundheitssystem, das überhaupt nicht auf eine solche Krise vorbereitet ist, keine Betten hat, keine Beatmungsgeräte, sind die schwächeren Personen automatisch dem Tod preisgegeben. Ärzte in Krankenhaus in São Luis sehen machtlos zu, wie ihnen die Leute aufgrund fehlender technischer Möglichkeiten wegsterben. Ein guter Teil von Ärzten und Krankenpersonal ist inzwischen auch schon angesteckt. Wie wird es weitergehen?

Unser Präsident mit seinen Witzen zur Krankheit tut das übrige. Er respektiert nicht die Verordnungen der Weltgesundheitsorganisation, geht unter die Leute, umarmt Kinder und bagatellisiert die Krankheit als eine leichte Grippe. Er entlässt Minister am laufenden Band, besonders im Gesundheitssektor, weil sie nicht auf seiner Linie liegen und den Coronavirus ernst nehmen wollen. Gott sei Dank läuft bereits ein Impeachmentverfahren, das zu seinem Sturz führen könnte. Aber man weiß nicht, was nachkommt. Die Militärs haben stark an Macht gewonnen, der Vizepräsident ist ein Militärgeneral. Der zuständige Minister für innere Sicherheit, ebenso ein Militärgeneral, droht mit Bürgerkrieg, falls der Oberste Gerichtshof nicht einlenken sollte. Zu allem Überfluss kommt zur Krise auf dem Gesundheitssektor nun auch noch die politische Krise.

So leben wir seit 20. März, also über zwei Monate schon in Quarantäne, ohne Schulunterricht, ohne öffentliche Gottesdienste oder Versammlungen, geschlossene Läden, das öffentliche Leben liegt still. Wie lange noch? Wie lange werden es die Menschen aushalten, die zum Großteil von der Hand in den Mund leben, ohne Gehalt und ohne festes Einkommen?

Ein bekannter Politiker sagte: “Auch jetzt in der Pandemie wird die krasse soziale Ungleichheit wieder deutlich: die Reichen leiden Langeweile, und die Armen leiden Hunger!” 

Ein Ende ist nicht in Sicht, im Gegenteil, es geht erst richtig los. Ich versuche täglich meinen Pfarreiangehörigen Hoffnung zu machen, verschicke Audios, Reflexionen zum Tagesevangelium und übertrage die Sonntagsmessen und teils andere über Facebook in die Häuser und Familien. Zudem kommen vereinzelt Menschen zu Beicht- und Beratungsgesprächen ins Pfarrhäuschen. Sie werden aufgenommen und angehört, mit gewisser Distanz und mit Gesichtsmaske….

Daneben unterstützen wir Familien in prekären Situationen in Form von Lebensmitteln. Frauen der Pfarrei nähen Gesichtsmasken. Auch Angst und Depression nehmen unter den Menschen zu. Immer mehr schütten über den Kontakt in den sozialen Kommunikationsmitteln ihr Herz diesbezüglich aus. Trotz sozialer Distanzierung bleibt man am Ball, bleibt man am Nerv des Lebens und nimmt teil am Leben der Menschen, an ihren Freuden und Ängsten, ihren Hoffnungen und Trauersituationen……….

Mit persönlich geht es soweit gut, wenn man das so sagen kann, innerhalb dieser schwierigen Situation. Man macht sich seine Sorgen bezüglich der Menschen, für die man eine Verantwortung hat. Hoffen wir, dass die Krankheit nicht noch weiter explodiert, denn von Seiten der Medizin können wir nicht viel erwarten. Hände waschen, Maske tragen, und möglichst direkten Kontakt meiden. Zu Hause bleiben, und viel Geduld…..

Euch alles Gute. Ihr seid ja wohl schon einigermaßen über den Berg.

Grüße von Padre Sepp Wasensteiner SAC

 

Und hier noch eine Zusammenfassung anderer Berichte durch unseren „Partnerschaftrs-Chef“ Jochen Katthöfer:

Seit Anfang April werden mit den ersten aufgetretenen Corona-Fällen im Bundesstaat Maranhão die ersten Maßnahmen in Timbiras umgesetzt. Bürgermeister Antonio Bobra Lima und Pfarrer Padre José [Josef („Sepp“) Wasensteiner] hatten sich gemeinsam an die Bürger gewandt und über die notwendigen Einschränkungen informiert: Alle direkten sozialen Kontakte sollen vermieden werden, und es gilt Maskenpflicht in öffentlichen Räumen. Apotheken und Lebensmittelgeschäfte bleiben geöffnet, allerdings wird sehr auf die Einhaltung von Mindestabständen geachtet.

Dies führt immer wieder zu Stresssituationen, denn nach anfänglich völliger Abriegelung nach außen, strömen momentan zusätzlich auch viele Menschen aus umliegenden Städten nach Timbiras, um vor dem Virus zu flüchten oder dort an den Lotterieannahmestellen eine kleine staatliche Unterstützungen zu erhalten: Familien mit einem geringem Einkommen (halber Mindestlohn oder Sozialhilfe) können für 3 Monate einen Betrag von 600 Reais (momentan 103 €) erhalten. Für das Antragsverfahren wird Internet benötigt. Die Mitarbeiter unseres Projekts CAC helfen momentan allen Familien, die keinen Internetzugang haben. Da das Projekt, wie alle Schulen und Kitas, bis mindestens zum 12. Mai geschlossen sind, versuchen unsere Freunde, die Kinder und ihre Familien zusätzlich mit staatlichen Lebensmittelpaketen zu versorgen. Da ein großer Teil der Bevölkerung sehr arm ist, rückt auch hier der Hunger in den Vordergrund.

Bischof Dom Sebastião hat alle öffentlichen Messveranstaltungen abgesagt, was in der Kar- und Osterwoche besonders einschneidend für die Menschen in dieser Region war, da sie sich gerade in dieser Zeit traditionell fast täglich gegenseitig besuchen und z.B. mit Kuchengeschenken austauschen. Messen werden im Internet (Youtube) übertragen.

Viele Bürger in Timbiras geraten durch Falschnachrichten in den Medien in Panik – es ist schwer, Glaubhaftes von Verschwörungstheorien etc. zu unterscheiden. Das Gesundheitssystem ist nicht sehr gut organisiert und Fallzahlen über neue oder gesamte Infektionen werden erst stark verzögert bereitgestellt. Eine anfangs nur mit 2 Fällen in São Luís aufgetretene Infektion ist mittlerweile mit 2804 Infektionen und 166 Todesfällen gemeldet.

Das Krankenhaus von Timbiras bereitet sich auf die ersten Fälle vor, strukturbedingt wäre eine Bewältigung einer Infektionswelle allerdings kaum möglich. Durch einen momentanen Aufnahmestopp müssen Patienten in häuslicher Umgebung versorgt werden, was für viele sicherlich auch lebensbedrohlich ist.

Die Gläubigen der Gemeinde beten viel – einige sind der Ansicht, dass diese Corona-Pandemie eine Prüfung Gottes sei und alle hoffen, dass diese Krankheit an Timbiras ganz vorbeigeht…

Wir wünschen unseren Freunden in Timbiras, dass alle gesund und heil aus dieser Krise herauskommen.

Jochen Katthöfer (für den Partnerschafts-Verein „arco-íris“)