Kirchenasyl erfolgreich beendet

Am 30. April hatte unser Kirchenvorstand einem Kirchenasyl zugestimmt, das in unserem Pastoralen Raum (in Nienberge) stattfindet. Dieses Kirchenasyl konnte nun erfolgreich beendet werden. Ihr Asylverfahren kann nun regulär in Deutschland durchgeführt werden. Die Unterstützungsgruppe berichtet:

„Dlava, eine 21-jährige syrische Kurdin, war 2½ Monate unser Gast im Kirchenasyl in den Räumen der Gemeinde Liebfrauen-Überwasser in Nienberge. Ziel des Kirchenasyls war es, eine Abschiebung nach Polen zu verhindern (= das Land, in welchem sie die EU zuerst betreten hat).
Wir aus der Unterstützerinnengruppe (insgesamt sechs Frauen regelmäßig, zwei weitere Personen sporadisch) haben sie in dieser Zeit regelmäßig besucht.
Dlava hat von Anfang an gesagt, dass sie die Zeit bei uns gerne nutzen möchte, um gut Deutsch zu lernen – denn sie will unbedingt die Möglichkeit haben, in Deutschland eine Ausbildung zu machen. Sie möchte gerne zahnmedizinische Fachangestellte werden, und wenn es irgendwie möglich ist, später vielleicht sogar Zahnmedizin studieren. Eine Frau aus unserer Gruppe hat sie deswegen regelmäßig und intensiv in Deutsch unterrichtet – wir anderen haben mit ihr so viel Deutsch wie möglich gesprochen und sie auch aufgefordert, selbst von sich aus zu sprechen.
Wir sind auch mit ihr spazieren und einkaufen gegangen (das größte Erlebnis war für Dlava jeweils der Besuch beim Drogeriemarkt – wie für viele junge Frauen wurde dieser Laden schnell ihr Lieblingsgeschäft), wobei sie auch lernen musste, mit dem ihr zur Verfügung stehenden Geld auszukommen. Dabei ist Dlava eine ausgesprochen bescheidene und auch kluge junge Frau, die schnell verstanden hat, welche Möglichkeiten es gibt und welche nicht.
In den Gesprächen zeigte sie sich sehr interessiert an allem, was das Leben in Deutschland ausmacht (Wie leben und arbeiten Menschen hier? Wie geht man in Familien miteinander um? Welche Möglichkeiten haben Frauen in Deutschland?), aber auch ganz praktische Fragen, z. B. daran, welche Voraussetzungen für eine Ausbildung gegeben sein müssen oder wie man den Führerschein macht.
Dlava interessiert sich auch sehr für Musik, und es hat wunderbarerweise die Möglichkeit gegeben, dass ein Freund einer der Unterstützerinnen ihr Klavierunterricht geben konnte, was für Dlava ein absolutes Highlight war.
Dlava hat beim wöchentlich stattfindenden Marktcafé der Gemeinde geholfen und sich dadurch auch Nienberger Gemeindegliedern bekannt gemacht, was ebenfalls sehr hilfreich war.
Insgesamt ist Dlava eine sehr freundliche, offene und auch beeindruckende junge Frau, voller Zielstrebigkeit, Wissbegier und Lebensfreude – dies hat dazu geführt, dass alle, die mit ihr zu tun hatten, das sehr gerne getan haben und sich auch immer wieder gerne in den Besuchsplan eingetragen haben, der dadurch fast immer voll war.
Dlava hatte mehrfach Besuch von zweien ihrer Geschwister aus Oer-Erkenschwick, was für sie sehr wichtig war, weil sie doch auch oft die Trennung von ihrer Familie als schmerzhaft erlebte und beschrieb.
Zwischenzeitlich beklagte Dlava starke Bauchschmerzen, so dass wir mit ihr zum Arzt gegangen sind. Über den Hausmeister der Gemeinde, der uns insgesamt sehr gut unterstützt, wurde der Kontakt zum örtlichen Hausarzt hergestellt, der bereit war, Dlava pro bono zu behandeln. Er stellte einen Nabelbruch fest und veranlasste eine weitere Untersuchung bei einem befreundeten Arzt. Glücklicherweise konnte hierbei geklärt werden, dass keine weitere Behandlung, erst recht nicht die zunächst befürchtete Operation, vonnöten war.
Kurz vor dem offiziellen Ende des Kirchenasyls (Ablauf der Überstellungsfrist war am 30.6.) haben wir eine kleine Abschiedsfeier mit Frauen aus der Gruppe und Dlava gemacht. Dabei hat sich Dlava bei uns bedankt mit den Worten: „Ihr wart freundlich und respektvoll zu mir, dadurch habe ich mich wieder als Mensch gefühlt – das war vorher nicht der Fall.“
Die letzten beiden Wochen des Kirchenasyls, in welchen Dlava auf den schriftlichen Bescheid des BAMF über den Ablauf der Überstellungsfrist nach Polen gewartet hat, waren dann für alle Beteiligten recht belastend. Glücklicherweise kam dieser Bescheid dann (16 Tage nach dem Ablauf der Frist) und Dlava wurde von einer Frau aus unserer Gruppe nach Oer-Erkenschwick gebracht, wo ihre Eltern und vier Geschwister in einer kommunalen Unterkunft für Geflüchtete leben. Dlava kann jetzt einen Asylantrag in Deutschland stellen.“


Die junge Kurdin aus Syrien hatte Zuflucht bei uns gesucht, weil ihr die Abschiebung nach Polen droht. Hintergrund dieser Abschiebung ist die Dublin-Verordnung der EU, nach der das Asylverfahren immer in dem Land durchgeführt werden soll, in dem eine Person erstmalig registriert worden ist. Im Fall der jungen Kurdin wäre eine Abschiebung nach Polen jedoch mit massiven inhumanen Härten verbunden:
Sie war mit ihrer minderjährigen Schwester nach Polen eingereist und wurde dort gewaltsam festgenommen. Drei Tage musste sie unter unmenschlichen Bedingungen und rassistischer Diskriminierung (als Kurdin) im Gefängnis bleiben. Dann wurden die beiden jungen Frauen in ein geschlossenes Lager verlegt, wo die Bedingungen ebenso sehr schlecht waren. Sie mussten beobachten, wie Kinder keine Milch oder angemessene Kindernahrung bekommen haben und medizinische Hilfe verwehrt wurde. Schließlich wurden sie entlassen und sind nach Deutschland weitergereist, weil hier ihre Mutter lebt.
Die minderjährige Schwester ist in Deutschland im Asylverfahren. Frau B. hingegen sollte abgeschoben werden und hatte große Angst davor, nach Polen zurück zu müssen und damit von ihrer Mutter und Schwester getrennt zu werden. Zudem ist in Polen das Asylrecht derzeit ausgesetzt. Ausführliche Infos zur Situation von Geflüchteten gibt es hier.
Ihre kranke Mutter, die in Deutschland lebt, ist auf ihre Unterstützung angewiesen, eine Trennung der Familie würde sie dauerhaft destabilisieren.

Aus Sicht des Kirchenvorstands und des „Kirchenasyl-Beauftragten“ Andreas Rehm ist die Praxis des Kirchenasyls ein wichtiges Zeichen der Menschlichkeit, gelebter Solidarität und ein konkreter Schritt der Nachfolge Jesu heute. Inspiration gibt uns hierbei Papst Leo, der im Oktober 2025 in aller Deutlichkeit sagte: „Bei den Übergriffen auf schutzbedürftige Migranten handelt es sich nicht um die legitime Ausübung nationaler Souveränität, sondern um schwere Verbrechen, die vom Staat begangen oder geduldet werden. Es werden immer unmenschlichere Maßnahmen ergriffen – die sogar politisch gefeiert werden –, um diese „Unerwünschten“ wie Abfall und nicht wie Menschen zu behandeln. Das Christentum hingegen bezieht sich auf den Gott der Liebe, der uns alle zu Brüdern und Schwestern macht und uns auffordert, als solche zu leben.“

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